Fischerei zwischen Konkurrenz, Kipppunkten und falschen Erwartungen

26.08.2026

© Anonym

CeOS Forschende stellen vier neue Studien auf der IIFET Konferenz auf den Färöern vor

Was passiert, wenn immer mehr Fischerinnen und Fischer um dieselbe Ressource konkurrieren? Welche wirtschaftlichen Folgen hat es, wenn ein Ökosystem einen Kipppunkt überschreitet? Und was geschieht, wenn wir den Zustand eines Fischbestands systematisch zu optimistisch einschätzen oder an überholten Vorstellungen festhalten?

Mit diesen Fragen beschäftigten sich Robin Fleet, Caroline Grünhagen und Marie-Catherine Riekhof auf der diesjährigen Konferenz des International Institute of Fisheries Economics and Trade, kurz IIFET, in Tórshavn auf den Färöern. In vier Studien untersuchten sie aktuelle Herausforderungen der Fischereiwirtschaft aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Beispiele reichen von der handwerklichen Fischerei im Senegal bis zu den Dorschbeständen der Ostsee.

Fischereimanagement unter Unsicherheit

Die vier Studien befassen sich damit, wie Fischereien nachhaltig bewirtschaftet werden können, wenn ökologische Systeme komplex sind, Akteure miteinander konkurrieren und Entscheidungen unter unvollständigem Wissen getroffen werden müssen.

Die Ergebnisse aus Senegal und Ostsee zeigen, dass dabei ökologische, ökonomische und menschliche Faktoren nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können. Konkurrenz beeinflusst die Produktivität von Fischereien. Kipppunkte verändern nicht nur Ökosysteme, sondern auch die Verteilung wirtschaftlicher Gewinne. Unsichere Bestandsinformationen können zu kostspieligen Fehlentscheidungen führen. Und Narrative beeinflussen, wie Menschen Veränderungen interpretieren und auf sie reagieren.

Für ein nachhaltiges Fischereimanagement reicht es deshalb nicht aus, lediglich die richtige Fangmenge zu bestimmen. Management muss auch berücksichtigen, wie sicher das zugrunde liegende Wissen ist, wie sich ökologische Systeme verändern, welche wirtschaftlichen Anreize entstehen und wie Menschen diese Veränderungen wahrnehmen.

Konkurrenz um Fisch: Industrielle und handwerkliche Fischerei im Senegal

Wie verändert sich der Fang eines einzelnen Fischereibetriebs, wenn immer mehr Boote auf denselben Fanggründen unterwegs sind? Eine der vorgestellten Studien untersucht diese Frage für die handwerkliche Fischerei im Senegal und betrachtet dabei sowohl die Konkurrenz innerhalb der handwerklichen Fischerei als auch den Einfluss industrieller Flotten.

Grundlage der Analyse sind monatliche Befragungen von 134 Fischern über einen Zeitraum von rund drei Jahren. Diese Daten wurden mit offiziellen Fangstatistiken und Satellitendaten zur Aktivität industrieller Fischereifahrzeuge kombiniert.

Die Ergebnisse zeigen deutliche Konkurrenzeffekte. Handwerkliche Boote beeinflussen sich gegenseitig, zugleich wirkt sich die industrielle Fischerei auf die Produktivität größerer handwerklicher Crews aus. Über den Untersuchungszeitraum zeigt sich außerdem ein allgemeiner Rückgang der Produktivität der handwerklichen Fischerei. Dieser könnte darauf hindeuten, dass neben der direkten Konkurrenz auch Veränderungen des Ökosystems eine Rolle spielen.

Die Ergebnisse sind auch für das Fischereimanagement relevant. Eine klarere Verteilung von Fangrechten und ein besseres Management der verfügbaren Fangmöglichkeiten könnten dazu beitragen, die Lebensgrundlagen lokaler Fischereigemeinden und ihren Beitrag zur Ernährungssicherheit zu sichern.

Ostseedorsch: Wenn ein Ökosystem seinen Zustand verändert

Eine zweite Studie richtet den Blick auf die zentrale Ostsee. Dort haben sich die ökologischen Bedingungen für den Dorsch in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Die Studie fragt, welche wirtschaftlichen Folgen es hat, wenn ein Ökosystem einen Kipppunkt überschreitet und sich dadurch die Beziehungen zwischen kommerziell wichtigen Fischarten verändern.

Dafür entwickelten die Forschenden ein bioökonomisches Mehrartenmodell mit Altersstruktur. Es bildet Dorsch, Sprotte und Hering gemeinsam ab und berücksichtigt die Frage, wer wen frisst.

Die Analyse zeigt, dass ein ökologischer Regimewechsel nicht zwangsläufig bedeutet, dass die Fischerei insgesamt weniger profitabel wird. Im untersuchten neuen Regime können die gesamten Gewinne sogar höher ausfallen. Entscheidend ist ihre Verteilung: Nicht alle Fischereien und Akteure profitieren gleichermaßen von den veränderten ökologischen Bedingungen.

Damit wird deutlich, dass ökologische Kipppunkte nicht nur biologische Konsequenzen haben. Sie können auch verändern, wer von einer Ressource profitiert und wie sich wirtschaftliche Interessen innerhalb einer Fischerei verschieben.

Assessment Optimismus: Wenn Bestände größer erscheinen, als sie später eingeschätzt werden

Die dritte Studie beschäftigt sich mit einem grundlegenden Problem des Fischereimanagements: Entscheidungen über Fangmengen müssen auf Informationen über den Zustand eines Bestands beruhen, obwohl dessen tatsächliche Größe niemals direkt beobachtet werden kann.

Besonders problematisch wird dies, wenn Bestandsabschätzungen über längere Zeit systematisch zu optimistisch ausfallen (Assessment Optimismus). Spätere Neubewertungen können dann zeigen, dass ein Bestand deutlich kleiner war als ursprünglich angenommen. Eine vermeintliche Erholung verschwindet im Rückblick. Dieses Phänomen wird als „Phantom Recovery“ bezeichnet.

Am Beispiel des westlichen Ostseedorschs untersucht die Studie, welche ökologischen und gesellschaftlichen Folgen ein solcher Assessment Optimismus haben kann. Mit einem bioökonomischen Modell vergleichen die Forschenden die historische Entwicklung mit Szenarien, in denen dem Management bereits früher die später rekonstruierten Bestandsinformationen zur Verfügung gestanden hätten.

Die Ergebnisse zeigen, dass weniger optimistische Informationen über den Bestand grundlegend andere Managemententscheidungen ermöglicht hätten. Der Dorschbestand hätte auf einem deutlich höheren Niveau gehalten werden können, während gleichzeitig eine höhere wirtschaftliche Wohlfahrt erzielt worden wäre. Ökologische und wirtschaftliche Ziele stehen hier also nicht zwangsläufig im Widerspruch.

Perfektes Wissen über Fischbestände wird es allerdings auch künftig nicht geben. Umso wichtiger ist ein Management, das mit dieser Unsicherheit umgehen kann. Die Studie spricht daher für vorsichtigere Fangempfehlungen, eine stärkere Berücksichtigung möglicher Fehler in Bestandsabschätzungen und die Nutzung ökonomischer Informationen als ergänzende Warnsignale.

Narrative und Optimismus: Warum sich bestimmte Überzeugungen halten

Die vierte Studie nimmt eine verhaltensökonomische Perspektive ein. Sie untersucht, wie Vorstellungen darüber, wie die Welt funktioniert, wirtschaftliche Entscheidungen in der Fischerei beeinflussen können.

Im Mittelpunkt stehen zwei unterschiedliche Narrative. In einem „Agency“ Narrativ gehen Akteure davon aus, dass ihr eigenes Handeln den Zustand einer natürlichen Ressource wesentlich beeinflusst. In einem „No Agency“ Narrativ wird die Entwicklung der Ressource dagegen vor allem äußeren Faktoren zugeschrieben.

Die Forschenden integrieren diese unterschiedlichen Vorstellungen in ein ökologisch ökonomisches Modell und untersuchen, wie sie Entscheidungen und Erwartungen beeinflussen. Dabei zeigt sich ein bemerkenswertes Ergebnis: Das „No Agency“ Narrativ kann mit systematisch zu optimistischen Gewinnerwartungen verbunden sein. Akteure können ihre wirtschaftliche Situation also besser einschätzen, als sie tatsächlich ist.

Das könnte erklären, weshalb bestimmte Narrative selbst dann bestehen bleiben, wenn sie langfristig mit ungünstigeren ökologischen Ergebnissen verbunden sind. Die Studie verdeutlicht damit, dass für das Verständnis von Ressourcennutzung nicht nur Preise, Bestände und institutionelle Regeln relevant sind. Auch die Vorstellungen darüber, wodurch Veränderungen verursacht werden und welchen Einfluss das eigene Handeln hat, können wirtschaftliche Entscheidungen prägen.

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Robin Fleet