Sardellenfischerei in Peru zwischen Export und Ernährungssicherheit

17.03.2026

Sardellen werden in Peru vor allem für den Export gefischt. Der nährstoffreiche Fisch kann mit einer neuen Fischereipolitik aber auch dazu beitragen, Mangelernährung im Land zu mindern. Handlungsempfehlungen dafür haben nun Forschende der Universität Kiel entwickelt. © Lena Hindenberg, Uni Kiel

Neue Kieler Studie zeigt: Nachhaltige Fischereipolitik könnte Mangelernährung in Peru bekämpfen – trotz Klimawandel

 Peru ist die weltweit drittgrößte Fischfangnation und besitzt mit dem Humboldtstrom-System eines der produktivsten Meeresökosysteme der Erde. Trotz dieses Reichtums an hochwertigem Eiweiß sowie wichtigen Mikronährstoffen leiden Millionen Kinder im Land an Unterernährung, Anämie und Wachstumsstörungen. Ein Grund für dieses Paradox liegt in der Struktur der peruanischen Fischerei: Mehr als 90 Prozent der gefangenen Sardellen werden zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet und überwiegend nach China und Europa exportiert – als Futtermittel für Aquakultur und Viehzucht. Allein ein Drittel der weltweiten Fischmehl- und Fischölproduktion stammt aus peruanischen Sardellen. Im Land verbleibt nur ein Bruchteil dessen, was zur Schließung der Nährstofflücken in der Bevölkerung benötigt würde. Eine neue Studie unter Leitung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), die kürzlich in der Fachzeitschrift Ecological Economics erschienen ist, zeigt nun erstmals, wie eine Neuausrichtung der Fischereipolitik die nationale Ernährungssicherheit erheblich verbessern könnte – selbst unter den Bedingungen des fortschreitenden Klimawandels.

Die Studie leistet somit einen direkten Beitrag zu drei Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der Vereinten Nationen: SDG 2 (Kein Hunger), SDG 3 (Gesundheit und Wohlergehen) sowie SDG 14 (Leben unter Wasser), indem sie aufzeigt, wie Fischereimanagement gleichzeitig die Ernährungssituation verbessern und eine nachhaltige Nutzung der Meeresressourcen gewährleisten kann.

Neues Modell verbindet Ökonomie, Klimaszenarien und Ernährung

Um dieser Herausforderung zu begegnen, haben die Forschenden einen neuen Ansatz für das Fischereimanagement entwickelt, der auf den Erkenntnissen des Projektes Humboldt-Tipping aufbaut, in dem deutsche und peruanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zukünftige Klimaszenarien und Anpassungswege im Humboldtstrom-System und für die Sardellenfischerei erforscht haben.

Das Forschungsteam um Professorin Dr. Marie-Catherine Riekhof, Dr. Biao Huang, und Dr. Renato Salvatteci – alle aus dem Center for Ocean and Society (CeOS) des CAU-Forschungsschwerpunktes Kiel Marine Science (KMS) – stützt sich auf ein empirisch geschätztes Vier-Arten-Modell für das Humboldtstrom-System vor der peruanischen Küste. Das Modell erfasst die Populationsdynamik von Sardelle, Bonito, Seehecht und Makrele, berücksichtigt ihre ökologischen Wechselwirkungen sowie unterschiedliche Szenarien der Auswirkungen des Klimawandels. 

Auf dieser Grundlage wurde ein dynamisches Optimierungsmodell entwickelt, das berechnet, welche Fangmengen notwendig sind, um die Bevölkerung mit essentiellen Nährstoffen wie Omega-3-Fettsäuren, Protein und Eisen zu versorgen, ohne die Fischbestände zu gefährden. Zum ersten Mal stellt ein solches Modell nicht allein den Erhalt des Bestandes oder die Gewinnmaximierung in den Fokus, sondern konzentriert sich auf die lokale Nährstoffversorgung und simuliert diese bis zum Jahr 2100 unter verschiedenen Klimaszenarien.

„Werden die Sardellenquoten weiterhin vollständig für den Export reserviert, reichen die Fänge von Bonito, Seehecht und Makrele nicht aus, um auch nur ein Drittel des Nährstoffbedarfs der peruanischen Bevölkerung zu decken,“ sagt Erstautor Dr. Biao Huang vom Institut für Agrarökonomie der Universität Kiel. Im Gegensatz dazu könnte eine größere Verwendung von Sardellen für den direkten menschlichen Verzehr die nationale Nährstoffsicherheit erheblich verbessern. 

„Sardellen stehen im Mittelpunkt eines kritischen Kompromisses zwischen Exporteinnahmen und Ernährungssicherheit im Inland. Wir möchten Auswege aus diesem Dilemma aufzeigen. Dazu muss das Ziel der Ernährungssicherheit in ein klimaresistentes Fischereimanagement integriert werden,“ ergänzt Dr. Renato Salvatteci, Koordinator des Projektes Humboldt Tipping an der Universität Kiel. 

Zielkonflikt Ernährungssicherheit und Exportwirtschaft

Die Studie macht den Zielkonflikt zwischen Ernährungssicherheit und Exportwirtschaft erstmals greifbar und identifiziert strategische Optionen zwischen ernährungsphysiologischen, ökologischen und wirtschaftlichen Zielen. Um allein ein Drittel des nationalen Eisenbedarfs aus Fischerei zu decken, müssten beispielsweise jährlich rund 2,93 Millionen Tonnen Sardellen für den direkten menschlichen Verzehr umgewidmet werden. Eine solche Umwidmung hatte jedoch erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen. Der Fischmehl- und Fischölindustrie entstünden Einnahmenausfälle von schätzungsweise rund 2,3 Milliarden US-Dollar jährlich, so die Berechnung auf Basis aktueller Marktpreise. Zudem wird der Klimawandel die Entwicklung der Fischbestände weiter verändern und ein adaptives, ökosystembasiertes Fischereimanagement daher immer wichtiger.

Handlungsempfehlungen für die Politik 

Die Autorinnen und Autoren, zu denen auch Dr. Ricardo Oliveros-Ramos des französischen Forschungsinstituts MARBEC (MARine Biodiversity, Exploitation and Conservation), getragen von IRD, Universität Montpellier, IFREMER und CNRS) gehört, plädieren daher für eine Neuausrichtung der peruanischen Fischereipolitik, die nährstoffbasierte Managementziele gleichberechtigt neben wirtschaftliche Ziele stellt.  

Sie schlagen vor, einen größeren Anteil der Sardellenquote für den menschlichen Direktverzehr zu verwenden und gleichzeitig durch Marktentwicklung, Infrastrukturmaßnahmen und gezielte Aufklärungskampagnen sicherzustellen, dass Sardellen als Nahrungsmittel gesellschaftlich akzeptiert werden. In Peru gilt die Sardelle traditionell als „Fisch für Arme“ – ein Image, das durch eine aktive Kommunikation verändert werden müsste.

Die Studie hat auch globale Relevanz: Peru liefert rund 30 Prozent des weltweit gehandelten Fischmehls. Änderungen in der peruanischen Quotenpolitik würden auch die globalen Aquakultur- und Tierfuttermärkte spürbar beeinflussen.

Die Studie ist Teil des Projektes „Humboldt Tipping“, einer deutsch-peruanischen Forschungsinitiative, die vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert wird. In diesem wurden Zukunftsszenarien für das Humboldt-Upwelling-System gemeinsam mit lokalen Akteurinnen und Akteuren sowie Entscheidungsträgerinnen und -trägern entwickelt. Weitere Förderung kommt über das Projekt TestArtUp der Forschungsmission CDRMare der Deutschen Allianz Meeresforschung (DAM).

Originalpublikation

Huang, B., Oliveros-Ramos, R., Riekhof, M.-C., Salvatteci, R. (2026): Fishery management for food and nutrition security in Peru under a changing climate. Ecological Economics, 244, 108941. https://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2026.108941

Pressemitteilung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Kontakt


Dr. Renato Salvatteci
Projektkoordinator Humboldt Tipping
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU)
E-Mail: renato.salvatteci@ifg.uni-kiel.de
Telefon: +49 431 880 6598

Dr. Biao Huang
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU)
Institut für Agrarökonomie
Center for Ocean and Society / Kiel Marine Science
E-Mail: huang@ceos.uni-kiel.de